Sonntag, 9. November 2014

THE PETARDS oder Wie hessischer Beat zum Förderer des deutschen und internationalen Progrocks wurde.

Vorab: Der Artikel spiegelt einfach meine Meinung zu der ganzen Thematik wieder und ist das Ergebnis meiner eigenen Recherchen und Erfahrungen sowie von Gesprächen, die ich führen konnte. Ob Experten (wirkliche oder selbsternannte) das Thema genauso sehen, ist mir herzlich egal.

Macht man sich auf die Suche nach den Ursprüngen der deutschen Rockmusik bzw. der Rockszene, so findet man oft nur zwei Meinungen. Zum Einen, dass es vor Entstehung des sogenannten Krautrock überhaupt keine deutsche Rockszene bzw. Rockmusik gab, zum Anderen, dass es so etwas wie die deutsche Rockmusik eh nicht gibt und gab, da sowieso Alles von den Engländern und Amerikanern abgekupfert war. Meiner bescheidenen Meinung nach ist Beides absoluter Humbug. Denn auch die die englische bzw. amerikanische Rockmusik war ja auch schon abgekupfert, wie wir alle wissen,. (Wer es nicht weiß wird zu zwei Wochen Robert Johnson am Stück verdonnert!!!)
Was man allerdings zugeben muss, dass es Rockmusik in Deutschland, insbesondere in den frühen Jahren, schwerer hatte als Anderswo. In der Nachkriegszeit war einfach kein Platz für, bitte alle Political Correctness-Freaks jetzt wegsehen, Neger oder auch entartete Musik. Swing und Big Band Sound von Leuten wie Glenn Miller lies man gerade noch gelten, seichte Schlager waren total in (ok, irgendwie hat sich daran nichts geändert) aber Rockmusik war dem deutschen Durchschnittsbürger ein Greuel. (Daran hat sich aber auch nicht viel geändert.) Für Interessierte war es auch schwer an Rockmusik, egal woher, überhaupt ran zukommen. Platten zu bekommen war schier unmöglich, also lauschte man heimlich oder auch offen AFN, der immer das Neueste an Musik über den Äther schickten.

Nur wenige deutsche Rockmusiker bzw. Bands erhielten in dieser Zeit Anerkennung in Deutschland. Meistens fallen die Namen THE RATTLES oder THE LORDS. Keine Frage, THE RATTLES und insbesondere ACHIM REICHEL waren und sind für die Entwicklung der deutschen Rockszene immens wichtig und deren Einfluss will ich hier nicht schmälern. Eine ganz wichtige Band wird aber nur extrem selten genannt. THE PETARDS, um die es hier auch primär gehen soll. Warum die Truppe so wichtig war, wird noch ausführlich erläutert.

Es begann Alles Anfang der 60er Jahre in einem Gymnasium in Schwalmstadt. (Hessen). Die Brüder Klaus und Horst Ebert, die beide das Gymnasium besuchten, spielten mit weiteren Schulkameraden in einer Band namens Magic Stompers, die primär Free Jazz spielte. Im Zuge der aufkommenden Beatwelle und nachdem der Bassist Rüdiger Waldmann Ende 1962 zur Band stieß folgte man dieser neuen Richtung. 1964, nun mit Drummer Hans-Jürgen Schreiber als Neuzugang, nannte man sich in THE PETARDS (was aus dem französischen kommt und Knallfrosch oder auch einfach Krach bedeutet) um. Angeblich hat Horst Ebert den Namen in einem Lexikon gefunden.

Eines ihrer ersten Konzerte als THE PETARDS brachte der Band gleich Ärger ein. Vor dem Amtsgericht in Schwalmstadt mussten sie sich wegen Lärmbelästigung verantworten. Die Beweisführung des Richters ist legendär. Die Band musste mit ihrem Equipment im Gerichtssaal aufspielen. Aufgrund des -unerträglichen Gedröhns- das man dann im Gebäude hörte wurde der Truppe eine Strafe von 50,- DM aufgebrummt, da man die Lärmbelästigung als bewiesen erachtete.

Die erste Single mit Eigenkompositionen spielte die Band 1966 in der schulfreien Zeit ein. Neben den immer zahlreicher werdenden Gigs hatte die Band auch erste Interviewtermine im Radio. Mit der kurz darauf erschienenen zweiten Single stieg der Bekanntheitsgrad weiter und THE PETARDS bekamen ihren ersten Fernsehauftritt im ZDF bei der sie ihre dritte Single namens „Shoot me up to the Moon“ präsentierten.



 Anfang 1967 stieg Hans-Jürgen Schreiber aus und wurde umgehend durch Franz Binder ersetzt. Franz Binder war aber auch nur ein paar Wochen in der Band, bis mit Arno Dittrich dann der „endgültige“ Drummer der Band gefunden wurde. Kurz darauf traten THE PETARDS bei einem Nachwuchswettbewerb des Südwestfunks auf, dessen Gewinn den Musikern die Aufnahme einer LP ermöglichte. Die Aufnahmen entstanden im Studio Maschen, als Produzent war Joe Menke tätig, der Gründer des Studios. Das Album „A Deeper Blue“ erschien im November 1967 auf dem Europa-Label und kostete nur 5,- DM, was marketingtechnisch nicht das Dümmste war, da LP's normalerweise 18-20 deutsche Mark kosteten. So griffen mehr Leute zu der LP und die Band steigerte ihren Bekanntheitsgrad noch mehr. Gleichzeitig landete die „Shoot me up to the Moon“-Single bei diversen Radiostationen auf Platz 1 und die nachgeschobene Single namens „Golden Glass“schaffte dies auch mühelos.

Bevor es mit der Story weitergeht ein paar Worte zum Debut der PETARDS. Ich habe das Original auf dem Europalabel vorliegen und man muss Joe Menke wirklich ein Lob aussprechen. Er hat für das nicht gerade üppige Budget eine tolle und klare Produktion fabriziert, was in den 60ern nicht gerade selbstverständlich war. Zudem ist auch das Songmaterial wirklich gut und muss sich nicht vor internationalen Größen verstecken, so dass selbst Leute, die mit Beat wenig anfangen können, mal ein Ohr riskieren sollten.


Eines hatte die Band früh erkannt – Nicht nur die Musik war wichtig sondern auch die Präsentation des Ganzen. Sie nutzten alle Möglichkeiten die sie fanden um ihre Musik bei Liveshows auch visuell zu unterstützen, sei es durch extravagante Kostüme oder aufwendige Bühnenbilder mit diversen Lichteffekten, was damals schone in Unikum darstellte und später ja von vielen Bands, insbesondere im progressiven Bereich, übernommen wurde.

1968 wechselte die Band die Plattenfirma, da das Europa-Label zwar das Sprungbrett für THE PETARDS war, aber nicht über weitreichende Vertriebswege wie die großen Labels verfügte. Das Label der Wahl wurde Liberty, wo 1968 das zweite, schlicht „The Petards“ betitelte Album erschien. Von diesem Album stammt auch ihr erster richtiger Nummer 1-Hit namens „Pretty Liza“. Im Zuge der Veröffentlichung tourte die Band durch Deutschland und auch durch die damalige CSSR, was ja zu der Zeit nicht unbedingt der gängigen Praxis entsprach. 1969 wurden THE PETARDS in einer Umfrage des Musikexpress zur besten Nachwuchsgruppe gewählt und das Album schaffte es in der Umfrage auf Platz 5.

Noch bevor das dritte Album in Angriff genommen wurde, leisteten sich die Musiker etwas, was bis zu diesem Zeitpunkt wohl kaum eine Band gemacht hat. Unter dem Pseudonym ZONK veröffentlichten sie eine komplette LP, auf der sie Songs von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL coverten. Die LP trägt den Titel „Creedence Clearwater Revival Hits done by a Group called Zonk“. Das Album wurde weltweit veröffentlicht. (Wie sich einige denken können hab ich mich schon auf die Suche nach dem Ding gemacht.) Während der Aufnahmen zum dritten Album nahmen sie nochmals zwei Singles mit CCR-Coverversionen auf, diesmal unter dem Pseudonym FLITTER MOUSE.

Das dritte Album namens „Hitshock“ das die Band von einer etwas heftigeren und progressiveren Seite zeigte erschien im Januar 1970. Einen kleinen Skandal verursachte das Cover, dass die Band mit einer blutüberströmten Schaufensterpuppe zeigte, allerdings zog das Ganze nicht so eine Geschichte hinter sich her wie das berühmte „Butcher“-Cover der BEATLES vom „Yesterday and Today“.-Album. Horst Ebert nahm kurz darauf ein Soloalbum auf, das aber dem Singer/Songwriter-Genre zuzuordnen ist und bei einer Auflage von 100 Stück getrost zu den seltensten Raritäten der deutschen Musik gezählt werden kann.


Mit der Singleauskopplung „Blue Fire Light“ konnten sich THE PETARDS auch erstmals außerhalb Deutschland in den Charts plazieren mit Top 10 Plätzen in den französischen und belgischen Charts.

Einige werden sich jetzt sicher schon fragen was das Ganze mit der Förderung des Progressiv-Rock zu tun hat. Keine Angst, dazu komm ich gleich.

Bevor die Truppe durch ihre Teilnahme an einem Musical ein neues Kapitel in der Bandgeschichte aufschlugen begründeten sie eines der weltweit dienstältesten und damit eines DER Festivals für progressive Musik überhaupt – Ja, THE PETARDS waren diejenigen die das Burg Herzberg-Festival ins Leben riefen und schon bei der ersten Ausgabe, das bereits 3 Tage andauerte konnte das Publikum Bands wie AMON DÜÜL II, GURU GURU und JERONIMO erleben.

Ende 1970 nahm die Band ihr nächstes Album auf, dass das letzte mit Gründungsmitglied Klaus Ebert sein sollte. Er verließ die Band nach den Aufnahmen für das Doppelalbum „Pet Arts“, hatte aber beruflich weiterhin mit Musik zu tun, da er als Labelmanager bei Metronome anfing.
 THE PETARDS veranstalteten die zweite Ausgabe des Burg Herzberg-Festivals mit Bands wie FRUMPY und EMBRYO, um sich danach auf die Suche nach einem neuen Gitarristen zu machen. Von Bewerbern schier überrannt entschied sich die Band für Bernd Wippich, (nach dem Ende der PETARDS bei RANDY PIE) der neben der Gitarre auch den Posten des Sängers übernahm. Mit ihm nahm die Band das Album „Burning Rainbows“ auf, dass eine weiterentwickelte Band zeigte, die neben dem progressiven Sound auch dem frühen Hardrock frönte. Leider fand sich keine Plattenfirma, die das Werk veröffentlichen wollte, da die Labels mal wieder der Ansicht waren, das Rock out sei und Disco jetzt der große Renner ist. Erst 10 Jahre nach Entstehung des Albums wurde „Burning Rainbows“ von dem Label Bear Family veröffentlicht. Die PETARDS versuchten es 1972 nochmal mit einer Single, die von den Plattenfirmen aber auch abgelehnt wurde. Da der große Durchbruch so nicht mehr zu schaffen war, löste sich die Band auf.

2004 reformierte sich die Band unter der Regie von Arno Dittrich überraschenderweise und THE PETARDS tourten wieder durch Deutschland. Aktuell existieren THE PETARDS auch noch, obwohl Horst Ebert und Bernd Willich beide 2014 im Abstand von nur wenigen Monaten verstorben sind.


Ich hoffe, dass ich dem geneigten Leser mit dem Artikel etwas Freude gemacht habe. Sollte ich irgendwann mal die anderen Alben der Band mein Eigen nennen können, (ich hoffe auf Re-Issues“ so werden Diese sicher im Sacred Metal-Blog auftauchen. 


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