Mittwoch, 23. April 2014

Ian Anderson - Homo Erraticus


Es beginnt, wie es so oft beginnt: mitten im Doggerland. Keine Trompeten weit und breit, fürchte ich, but I hear there were giants in the earth in those days. Von dieser prähistorischen, untergegangenen Landmasse aus führt uns Ian Anderson auf eine fast zehntausend Jahre andauernde Reise des sehr britischen „Homo Erraticus“ - der Landstreicher, the wandering man, nenn' ihn, wie Du willst. (Die verschiedenen Inkarnationen, aus deren point of view Ian die voranschreitenden Zeiten besingt, erinnern zwar auf den ersten Blick ein wenig an Ayreons „The Dream Sequencer“, textlich ist das aber natürlich um Welten besser inszeniert.) Und ja, mittlerweile meldet sich da endgültig „nur“ noch Anderson: Jethro Tull ist laut Liner Notes in Rente geschickt worden. Ob dem ewigen Godfather of Kauz eben das auch dann so leicht gefallen wäre, wenn zumindest der langjährige Weggefährte Martin Barre noch mit an Bord wäre, bleibt Spekulation, zumal das Textkonzept der aktuellen Scheibe den fiktiven Hirnen gleich zweier ebenso fiktiver Anderson-Alter Egos - darunter auch wieder der legendäre Gerald Bostock of „Thick As A Brick“ fame - entsprungen sein soll. Jemand Lust auf eine Runde „Six Degrees of Jethro Tull“?


Denn es besteht kein Zweifel: auch wenn das Albumcover das beharrlich leugnen mag, „Homo Erraticus“ ist Jethro Tull. Und zwar Tull in Reinkultur, keiner dieser bizarren Hybriden à la „Tull goes ZZ Top“, „Tull goes Eighties Pop“ oder „Tull goes Mark Knopfler“, die ab den achtziger Jahren immer mal auf der Bildfläche erschienen und im Idealfall mal Metallica mächtig ärgern konnten. (Aber er kann's nicht lassen: ausgerechnet den Song, der mit der modernmusikalischen Auslegung dieses Begriffs am allerwenigsten zu tun hat, taufte Meister Ian heuer augenzwinkernd „Heavy Metals“.) Gerade der erste, unter „Chronicles“ zusammengefasste Teil der Scheibe dürfte für Fans der Phase so in etwa von „Thick As A Brick“ bis einschließlich „Stormwatch“ ein mittleres Gottesgeschenk darstellen, tischt Anderson uns doch hier exakt den Stoff auf, der erst all die verschiedensten Bands möglich machte, die in den darauf folgenden Jahrzehnten ein bisschen über den Tellerrand blicken wollten. Seien das nun Skyclad, Manilla Road oder eben Ayreon – keine von ihnen kann ich ohne diese bizarre Mischung aus Prog, Rock und (zuweilen mittelalterlich anmutendem) Folk aller Art existieren sehen!

Natürlich könnten Berufsnörgler hier heftigst (und nicht einmal ganz unberechtigt) berufsnörgeln, dass wir das alles im wesentlichen schon das eine oder andere Mal zu hören bekommen haben - und herrje, dass Andersons Stimme nicht mehr ganz die ist, die sie einmal war, wissen wir nicht erst seit gestern. Aber verflucht, bei einer Band (oder als geistiger Nachfolger einer Band), die sich seit den späten Sechzigern in den Irrungen und Wirrungen des Musikzirkus bewegt, interpretiert zumindest der geneigte Hörer eventuelle Déjà-Vus einfach mal als sympathische Hommagen an ehedem und die lyrisch-erzählende Präsentation des zugrunde liegenden Konzepts kommt der hörbar gealterten Stimme der Legende klar entgegen. Wenn die Flöte tönt, ist die Welt eh in Ordnung.

Bei Konzeptalben liegt es in der Natur der Sache, dass das Werk als Ganzes am besten funktioniert – und die Qualität stimmt durch die Bank auch in solch erfreulichem Maße, dass auch nach x Durchgängen kein einziger Song zum Griff zur Skip-Taste animieren würde. Trotzdem ist „Homo Erraticus“ klar songorientierter ausgefallen als etwa einst „Thick As A Brick“ oder „A Passion Play“, also kommen wir auch an ein paar Anspieltipps nicht vorbei. Voilà: „Doggerland“ setzt nicht nur eindrucksvoll die Szene, sondern fungiert gleichzeitig auch als Beweisstück A für die These, dass sich ein gewisser Herr Lucassen nur bei einem Künstler dieser Welt gut 90% seiner mittelalterlichen Melodien entlehnt haben kann. Das siebenminütige „Puer Ferox Adventus“, ein kleines Epos über das frühe Christentum in England mit Rückgriffen auf Jesus himself und die Bekehrung des Konstantin als Zugabe, besticht durch eine mystisch bis sakrale Atmosphäre, bewerkstelligt u.a. durch das schönste Child-In-Time-Gedächtnisgeorgel der jüngeren Zeit. „Pax Britannica“ ist zwar inhaltlich an die Zeit von Queen Victoria angelehnt, beeindruckt aber durch gänzlich unviktorianische Leichtigkeit von der Art, die eher Queens „A Night At The Opera“ zuzuordnen wäre. Als einziges Instrumental fertigt „Tripudium Ad Bellum“ gleich zwei Weltkriege spielfreudig in knapp drei Minuten ab – the flute must be a heavy metal instrument after all. Und im traumhaft schönen „After These Wars“, das so in etwa durchaus auch auf „Crest Of A Knave“ hätte landen können, zeigt uns auch der deutsche Gitarrist Florian Opahle in einem astrein gefühlvollen Solo, warum wir Herrn Barre gar nicht mal sooo sehr vermissen müssten. Am Ende geht die Welt mit dem dunklen, vergleichsweise harten „Cold Dead Reckoning“ natürlich den Bach runter, aber nicht ohne Hoffnung auf einen Neubeginn zu lassen.

Klar: ein Einstiegsalbum in den Kosmos des Herrn Anderson kann und will das hier nicht sein. Wer ewige Klassiker der Liga „Heavy Horses“, „Thick As A Brick“ und wie sie nicht alle heißen noch nicht im heimischen Regal stehen hat, ist besser bedient, sich erst mal großzügig bei den exzellenten Tull-Remasters, die einem in der Regel eh fast nach geschmissen werden, zu bedienen. Danach werdet Ihr „Homo Erraticus“ eh nicht mehr missen wollen. Eingeweihte hingegen: Kaufen, hier und jetzt. Der Mann kann's einfach. (EZ)


Label: Calliandra Records/K Scope
VÖ: 11.04.2014

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