Freitag, 20. Dezember 2013

Nightwish – Showtime, Storytime (DVD)

So, Death Metal-Gerödel hatten wir fürs erste mal genug: I hereby declare open the 2013 Sacred Metal Kitsch Olympics. Astreiner Goldmedaillenfavorit natürlich: die Finnenbande von Nightwish mit ihrem neuen, pickepackevoll gefüllten Live-Paket. Das besteht, wie der Titel es andeutet, aus zwei Teilen – Tourdoku und Livemitschnitt vom diesjährigen Wacken Open Air. (Das dem Cover nach offenbar mittlerweile irgendwo nach Mittelerde verlegt worden ist.) Widmen wir uns zunächst mal erstgenannter, denn das Konzert als krönender Abschluss der Tour ist schon irgendwo das Ergebnis dessen, was in dem „Please learn the setlist in 48 hours“ getauften Streifen geschehen ist. (Der im übrigen größtenteils in finnisch mit englischen Untertiteln only stattfindet. Wäre da bei einer Band, die hierzulande immerhin zwei Nr. 1-Alben und ein paar weitere Top 10-Dinger in der Vita hat, keine Übersetzung zumindest in Textform drin gewesen?)




Die erste Einblendung offenbart dann auch gleich das schwerste Manko, das dieser Film abkriegen konnte: die mitten in der Tour geschasste Ex-Sängerin Anette Olzon hat ihren ehemaligen Kollegen jegliches Auftreten ihrer Gestalt in Bild und Ton kategorisch untersagt - auf der anderen Seite wollte die Band hier ihrerseits keine schmutzige Wäsche waschen. Einerseits 'ne lobenswerte, integre Einstellung – aber eine spannende Dokumentation des Geschehens wird so halt äußerst schwierig. Anette krank, Kamelot-Gastsängerinnen springen helfend ein, Anette kehrt zurück, eine letzte Show klappt OK - „so konnte es nicht weitergehen“, so sieht da ungelogen der Handlungssprung innerhalb zweier aufeinanderfolgender Sätze aus. Surreal auch die wenigen Livebeiträge aus dieser Zeit, an denen gemessen ein Nichteingeweihter niemals erraten könnte, dass es sich hier im Normalfall um eine Band mit Sängerin handelt. Olzon wurde mit einer Gründlichkeit aus den Aufnahmen getilgt, die mich, wüsste ich nicht um die eingangs genannten Umstände, bestimmt zu mehr oder weniger sinnigen Vergleichen irgendwo zwischen „Stalin und Trotzki“, „1984“ oder „Sharon Osbourne und Bob Daisley“ animiert hätte. In jedem Falle kann ich die wenigen verwendbaren Songparts, in denen Bass-Wookiee Marco Hietala im Alleingang für die Vocals verantwortlich zeichnet, nach der geballten Überdosis hier erst mal 'n Weilchen nicht mehr hören. Sorry, man.



Aber keine Angst, die Stimmung kippt gewaltig ins Positive, sobald einmal die ursprünglich nur als Aushilfe für den Rest der Tour rekrutierte Holländerin Floor Jansen (ReVamp, ex-After Forever) die Bühne betritt. Nach einer extrem kurzen Einarbeitungszeit – der Titel der Doku sagt alles – funktioniert da erstaunlich früh einfach alles. Supersympathisch erobert die Dame erst mal die Herzen der US-amerikanischen Supporter, während sie sich quasi im Vorübergehen den alles andere als einfachen Backkatalog der Truppe einstudiert. Und spätestens bei den einem Triumphzug gleichenden Südamerika-Shows, bei denen insbesondere die argentinischen Fans der Band einen Empfang bereiten, wie er auch Iron Maiden würdig gewesen wäre, ist dieses Sextett zu einer verschworenen Einheit zusammengewachsen. So wird auch ein Troy Donockley, für diverse Flöten, irische Dudelsäcke und Gesang zuständig und in der Regel für gerade mal drei bis fünf Lieder mit auf der Bühne, von Beginn an wie ein vollwertiges Bandmitglied behandelt! Kann diese DVD bitte jemand bei Rock'n'Rolf unter den Tannenbaum legen, so als Lehrstunde in Sachen „Bandfeeling“? Danke.



Der Wacken-Gig ist schließlich die Kür, ein „Live After Death“ des Symphonic Metal. Wie sagt da der Angelsachse? Floor Jansen owns the stage. Mit ihr haben es Nightwish Mk.III auf Anhieb geschafft, eine völlig von beiden Vorgängerversionen losgelöste Stimmung zu erzeugen. Wobei man gerade bei den Liedern aus der Ära Anette schon darüber streiten kann, ob Floors klar Metal-lastigere Herangehensweise entscheidende Vorteile gegenüber der liebenswerten, poppigen „Astrid-Lindgren-Protagonistin auf dem Weg ins Taka-Tuka-Land“-Performance aus der Originalinkarnation dieser Nummern bietet. Meine Wenigkeit sieht das in der Regel schon so, andererseits flüstert mir eben der advocatus diaboli leise ins Ohr, dass beispielsweise das schweinecoole „Ghost River“ in den eröffnenden Zeilen vorher nie so 'ne doropeschige Komponente hatte wie hier und heute. You decide.



Wirklich zum Star wird die hochgewachsene Holländerin aber eh erst dann, wenn es an die Frühphase und die Songs geht, die einst Originalsirene Tarja Turunen einsang. Alleine schon dadurch, dass diese Klassiker nun überhaupt wieder im Programm sein können – zum Anfang der Tour erklärte Bandchef Tuomas Holopainen (Dagobert Duck-Hut, Keyboardverkleidung irgendwo zwischen Stalinorgel und Findet-Nemo-Korallenriff) beispielsweise noch, dass man „Wishmaster“ nun „endgültig“ aus demselben gestrichen habe, da Anette mit dem Song nicht klarkäme. (Diesen nach dem Wechsel am Mikro dann durchaus wieder gespielten Alltime-Klassiker vermisse ich zu Wacken aber immer noch heftigst. Hätte man da dem chronisch unterbeschäftigten Gitarristen Emppu nicht noch prima etwas neoklassisches „Spotlight Kid“-Gedächtnisgedudel spendieren können?). Aber vor allem mal aufgrund der Art und Weise, wie Ms. Jansen diese Songs ins Hier und Heute holt: ohne jeglichen Rüschenhemdenmief und Ballkleidpomp, wie er den für meinen Begriff teils nicht unbedingt gut gealterten frühen Studioalben oft anhaftet. Technische Klasse 1a, Gänsehautfeeling pur – Opern- und Klassik-Kitsch nein. Gut so! Das Paradebeispiel die Jahrhundert-Interpretation des überepischen „Ghost Love Score“, dessen heller denn je erstrahlendes Finale nicht ohne Grund von der Fanbasis den Ehrentitel „Floorgasm!“ verliehen bekommen hat. Alle Achtung: In dieser Verfassung würde ich neues Material der Band lieber gestern als heute hören! (EZ)





Label: Nuclear Blast

Veröffentlichung: 29.11.2013

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