Sonntag, 3. November 2013

Avatarium - Avatarium

Die schwedischen Doom-Veteranen von Candlemass mögen zwar nach dem Abgang von Robert Lowe den Entschluss zum Semi-Ruhestand gefasst haben – Liveauftritte soll es fürderhin noch geben, neue Alben aber nicht mehr – aber daran, dass etwa Mastermind Leif Edling musikalisch nichts mehr zu sagen hätte, kann das gar nicht liegen, wie der vorliegende Erstling seiner neuen Band Avatarium beweist. Eher schon war ein neuer Name aufgrund des musikalisch wesentlich breiter ausgelegten Grundgerüsts vonnöten, das neben dem epischen Doom Metal von Candlemass (oder natürlich Black Sabbath) mal ebenso auf allerlei klassischen Siebziger-Hard Rock setzt. Blue Öyster Cult hier, Jethro Tull dort – aber vor allem mal Liebhaber der frühen Rainbow sollten sich „Avatarium“ flugs auf ihren Einkaufszettel schreiben. „Rising“ meets „Heaven & Hell“ ist doch nicht die schlechteste Ausgangslage, oder?


An dieser Stelle muss dann über die weitere Besetzung philosophiert werden: Carl Westholm ist Edlings langjähriger Kompagnon von Candlemass über Abstrakt Algebra bis Krux und liefert ein weiteres Mal warme, unaufdringliche Tastenteppiche nach Manier der Großen Alten des Rock. Wer nach den famosen aktuellen Beiträgen von Ayreon oder Deep Purple noch Nachschub in dieser Disziplin sucht, ist hier goldrichtig. Tiamat-Drummer Lars Sköld gibt uns seinen besten Cozy Powell – und macht das beachtlich, aber den „most valuable player“-Titel teilen sich zwei andere Zeitgenossen: zum einen ist das Gitarrist Marcus Jidell (u.a. Evergrey) noch nicht einmal so sehr wegen seiner unwiderstehlichen Riffwalzen: kompetente Beschwörung des Evangeliums nach Iommi ist im Umfeld von Edling schließlich Einstellungskriterium Nr. 1! Vielmehr sind es seine wahnsinnig gefühlvollen, das Epos des Ritchie Blackmore aus seligen „Long Live Rock'n'Roll“-Tagen kanalisierenden Gitarrensoli, die mich mehr als einmal in den Wahnsinn treiben. Wenn das auch sicher alles ein klein wenig origineller ginge als im über achtminütigen Opener „Moonhorse“, der vom Heaven&Hell-lastigen Grundriff bis hin zum recht deutlich vom ewigen Meilenstein „Stargazer“ gemopsten Finale zu jeder Sekunde dem Hörer entgegen schreit: „Ich liebe alles, wo Ronnie James Dio jemals ein Mikro gehalten hat!“.

Und beim Mikro wären wir dann auch bei der zweiten Sensation, die „Avatarium“ aufzubieten hat. Die hört auf den Namen Jennie-Ann Smith und ist schlicht und ergreifend der frischeste, unbekümmertste Neueinstieg einer Sängerin ins metallische Genre, seit vor gefühlten Urzeiten mal Anneke van Giersbergen mit „Mandylion“ auf der Szene erschienen ist. Dioesk-mystisch mit einer großen Portion Rock'n'Roll auf der einen Seite, fragil und zierlich mit der Attitüde des geborenen Storytellers auf der anderen – und stets mit einem Maximum an Ausdruck, der aus den teils simplen, aber elegant verfassten Texten mehr herausholt, als da von Haus aus wohl drinsteckte. (Etwas, das Robert Lowe während seiner Candlemass-Zeit zu meiner Enttäuschung nie so hundertprozentig vermochte.)

Sei das ein makabrer, von Jack the Ripper inspirierter Serial-Killer-Trip wie „Bird Of Prey“ (spätere Candlemass pur!), die trashige Science Fiction des gewaltigen „Tides Of Telepathy“ oder aber die Flucht in die Fantasie seitens eines erkrankten Kindes im enorm einfühlsam gesungenen „Moonhorse“ - Jennie-Ann steals the show. Sogar im für meinen Begriff nur bedingt zündenden „Boneflower“, dessen Strophenmelodien zwar tatsächlich Blue Öyster Cult einiges schulden, was mich dann aber doch einmal eher an die völlig ausgespielte Okkultrock-Welle der letzten Jahre denken lässt. Ihr endgültiges Denkmal baut sich die Band aber ganz zum Schluss: das unfassbare „Lady In The Lamp“ ist tatsächlich die schönste Ballade, die Ritchie Blackmore nach „Catch The Rainbow“ und „Rainbow Eyes“ - minus der orchestralen Opulenz des letztgenannten - nicht mehr geschrieben hat. Wer so was auf einem Debütalbum zustande bringt, der hätte prinzipiell meinen (gänzlich fiktiven) „Newcomer des Jahres“-Award fest in der Tasche, was aber aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung des Initiators nur bedingt Sinn machen würde. Something old? Something new? Wen kümmert's – brillant ist das allemal! (EZ)



Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 02.11.2013

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