Dienstag, 24. September 2013

Ritchie Blackmore's Rainbow - Black Masquerade (DVD)

Oh je, die 90er: Hard Rock in der Diaspora. Legionen von einst erfolgreichen Kapellen verzweifeln an der Länge des „Your Ziegenbart must be THIS long to get some airplay“-Schildes am Eingang des MTV-Headquarters und kommen so teils auf die drolligsten Ideen. Remember Van Halen mit...prust...Gary Cherone? Blackie Lawless als siffiger Marilyn Manson-Wannabe? Oder Pink Cream 69, die urplötzlich entdeckten, dass es eigentlich schon immer ihr seligster Herzenswunsch war, allerlei nöligen Grunge in den Äther abzusondern? Alles im Namen der natürlichen Weiterentwicklung, of course.


  Wenn derartiges einen Mann nicht für fünf Pfennig tangiert, dann ist das natürlich der von Haus aus störrische Deep Purple-Saitenzausel Ritchie Blackmore. Oder „ex-Deep Purple“, sollte hier vielmehr stehen, war der Mann in Schwarz doch eben nach dem tausendsten Streit mit Intimfeind Ian Gillan zum zweiten Male aus der Band gegangen (worden?). Er verlor darauf aber keinerlei Zeit und belebte mit einer Gruppe jüngerer Mi(e)tmusiker flugs sein altes Schaffensfeld Rainbow neu. Das bisher leider einzige Lebenszeichen dieser Inkarnation der Legende nannte sich 1995 „Stranger In Us All“ und war schon bei Erscheinen ein Anachronismus sondergleichen, zeigte es doch eingangs erwähnten Zeitgeistphänomenen durchgängig die kalte Schulter. Stattdessen verband dieses leider oft unterschätzte kleine Juwel in Blackmores langer Karriere gekonnt die hochgradig eingängige Melodik der Joe Lynn Turner-Phase mit einem der Band lange eher abwesenden Feeling von Mystik und Eskapismus – beinahe schon wie weiland bei Dio selig. Verantwortlich für letztere Entwicklung übrigens nicht gering eine erstmals schon fleißig mitschreibende Candice Night, die bekanntlich später noch höchst erfolgreich die Goldbeere zu Blackmores Tom Bombadil spielen sollte.


Die Tour zum Album, seinerzeit für den „WDR Rockpalast“ in Düsseldorf mitgeschnitten und nur lockere 18 Jahre später schon als DVD oder CD käuflich zu erwerben, featurete dementsprechend stolze sechs Songs des hiermit perfekt wieder zu entdeckenden Werkes (sieben, wenn man den damals neu verwursteten Dio-Ära-Evergreen „Still I'm Sad“ mitzählt) und gab so dem sympathischen Schotten Doogie White am Mikro reichlich Gelegenheit, sich der erfreulich zahlreich versammelten Hardrockmeute vorzustellen. Der Mann hatte aber auch den denkbar schwersten Job der Rockgeschichte anzutreten: einerseits musste White auf der Bühne den Aktivposten mimen, während der sehr introvertierte Blackmore in seiner eigenen Welt versunken still steht und höchstens zu der ollen Beethoven-Bearbeitung „Difficult To Cure“ etwas aus sich herausgeht – andererseits hatte er neben den Songs seines einzigen eigenen Albums ein Programm durchzustehen, das ursprünglich von Stimmriesen wie Ronnie James Dio, Joe Lynn Turner, Ian Gillan, David Coverdale und (wenn auch nur im kurz angezockten „Since You've Been Gone“) Graham Bonnet geprägt wurde!


Und dabei schlägt er sich...gut, zuweilen gar sehr gut. Natürlich hat vor allem ein Dio diese Songs noch einmal mit einer anderen Intensität dargeboten – trotzdem hat Mr. White sich spätestens nach der famosen Intonation von „Temple Of The King“ als Nachfolger des legendären Originalsängers zumindest mal den Titel des Rainbow-Äquivalents zu Tony Martin ersungen. Zweifelhafter kam seinerzeit die Idee rüber, die Turner/Bonnet-Ära bestenfalls im Vorübergehen zu streifen und stattdessen diversen Deep Purple-Klassikern den Vorzug zu geben, aber mit dem heute vorhandenen Wissen, dass diese Rundreise gleichzeitig auch Blackmores Abschied vom Rockzirkus bedeuten sollte, passt das schon deutlich besser. Zumal gerade das überragende „Perfect Strangers“ sich wirklich nahtlos ins Restprogramm einfügt und man auf „Burn“ (das mit White am Mikro etwas an die Version von Riot erinnert) bei Purple-Gigs eh seit Jahrzehnten vergeblich wartet. Das in diesem Kontext völlig überflüssige „Smoke On The Water“ zum Abschluss hat allerdings eher die Aura einer Coverversion – und „Smoke On The Water“ covert man einfach nicht.


Alles in Butter also? Naja, fast. Die Regie des Neunziger-Jahre-Rockpalasts ist für heutige Verhältnisse schon arg behäbig-konservativ inszeniert. Das mag zu einer Band wie Rainbow irgendwie passen, sollte aber nicht unerwähnt bleiben. Zudem fehlt zumindest dem Verfasser dieser Zeilen doch arg der eine oder andere Klassiker von ihrem Paradewerk „Rising“ - ein „Stargazer“ etwa hätte man etwa anstatt der etwas zu ausladenden Soli an Keyboard und Schlagzeug schon noch reingekriegt. So mag „Black Masquerade“ kein meilensteinartiges Zeitdokument wie die Siebziger-Konzerte der Band darstellen – eine klare Kaufempfehlung gibt es von mir aber trotz der genannten Schönheitsfehler allemal, zumal das gute Stück zum geldbeutelfreundlichen Sonderpreis im Regal steht. (EZ)


Label: Eagle Vision/Eagle Rock
Veröffentlichung: 23.08.2013


 

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