Sonntag, 15. September 2013

Fates Warning - Darkness In A Different Light

Es ist immer ein Gefühl, als würden die eigenen Kinder einem ein Messer in den Rücken stechen, wenn einstige Lieblingsbands, ehemalige Combos, die man vergöttert hat, nur noch Mist abliefern. Virgin Steeles DeFeis hat sein Songwriting-Rezept scheinbar seit Jahren verlegt, Queensryche bekommen mit dem nächsten LaTorre-Album noch eine einzige Chance bei mir, über Manowar brauchen wir uns hier wohl kaum mehr unterhalten und Dinge wie Cage, Death Dealer oder Aska, die ich früher kaum erwarten konnte, langweilen mich heute nur noch mit Billigheimerproduktionen. 

Zum Glück trifft das alles auf die neben Mercyful Fate/King Diamond beste Metalband aller Zeiten nicht zu, denn neun Jahre nach dem eigentlich von mir prophezeiten Abgesang "X" sind FATES WARNING mit einem richtig starken Album zurück, welches meiner bescheidenen Meinung nach die beiden Vorgänger locker in die Tasche steckt. Nur ein Ausfall bei zehn Songs ist auf jeden Fall ein hervorragendes Ergebnis, das viele etablierte Bands nicht mehr erreichen.

 

Das Eröffnungdoppel "One Thousand Fires" und "Firefly" lassen einen direkt denken, dass der Arch/Matheos-Ausflug den beteiligten Musikern sehr gut getan hat. Das Riffing ist auf jeden Fall deutlich vom "Sympathetic Resonance"-Meisterwerk inspiriert. Man ist wieder melodischer als auf "Disconnected" und "X", das Drumming von Bobby Jarzombek ist akzentuiert und auf den Punkt präzise, wenngleich ich das Endergebnis gerne mal mit mit Mark Zonder hören würde. Jim Matheos und Frank Aresti als Traumpaar an der Gitarre verstehen sich blind und zeigen, dass man modern klingen kann, ohne die Melodien zu vernachlässigen. Dann wäre da noch Ray Alder, der natürlich nicht mehr so himmelhoch wie auf "Perfect Symmetry" oder "No Exit" singen kann (Tabak sei dank), aber man kann nicht anders als sich eine dicke Entenpelle zuzulegen, wenn das erste Mal der Refrain zu "Firefly" ertönt. Er gehört halt immer noch zu den überragenden Stimmen im Musikzirkus.

Umso ärgerlicher, dass all diese Zutaten im einzigen Komplettausfall des Albums, "Desire" nicht zu greifen scheinen, denn der Track klingt seltsam unfertig und der Chorus ist in punkto Eintönigkeit kaum zu übertreffen. Egal, denn die folgenden anderthalb Minuten von "Falling" entschädigen für alles - was für ein wundervoll-melancholisches, kleines Meisterwerk, bei dem wirklich nach 90 Sekunden alles gesagt ist und nach dem eigentlich eine Gedenkminute eingefügt gehört. "I Am" ist dann wieder eher typisch moderne FATES WARNING-Kost der letzten drei Alben, während das sehr ruhige "Lighthouse" auch auf "A Pleasant Shade Of Grey" eine hervorragende Figur gemacht hätte und zu den emotionalsten Songs des Albums gehört. 
Der Track, der bei mir am meisten gewachsen ist (neben dem grandiosen Mammuttrack "And Yet It Moves", dessen letzten vier Minuten noch einmal alle Stärken FATES WARNINGs bündeln und wohl den Höhepunkt des Albums darstellen), ist mit  "O Chloroform" zwar seltsam betitelt, aber nichtsdestotrotz ein absolutes Meisterwerk. Alder schafft es wie kaum ein Zweiter, die famosen Melodylines so klingen zu lassen, als würde er nicht einfach "nur" einen Song interpretieren, sondern diesen Song leben, ja gewissermaßen zu diesem Song werden.

Sind Fates Warning also endlich wieder alleinige Throninhaber der Musikwelt wie zwischen "The Spectre Within" und "Parallels"? Natürlich nicht! Ist "Darkness In A Different Light", das im übrigen von ein einem fantastischen Cover umhüllt wird, das beste FATES WARNING-Album dieses Jahrtausends geworden? JA!(MK)

Label: Inside/Out
Veröffentlichung: 30.09.2013

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