Sonntag, 29. September 2013

Atlantean Kodex - The White Goddess

Verdammt, was habe ich dieser Platte entgegengefiebert! Drei lange Jahre ist es bereits her, seit Atlantean Kodex aus Bayern mit ihrem Debüt auch die Epic Metal-Welt außerhalb unseres gewohnt gut informierten Forums auf den Kopf gestellt haben. Aber gut Ding, um mal wieder das Phrasenschwein etwas zu mästen, will halt Weile haben, und so ist eigentlich schon nach den ersten paar Tönen des kurzen Intros „Trumpets Of Doggerland“, das das Album in der Tat mit Pauken und Trompeten einläutet, offenbart, dass sich hier absolut nix zum Schlechteren verändert hat – und dann gibt der aufmerksamen Besuchern der Kodex-Website bereits seit einiger Zeit bekannte Opener „Sol Invictus“ dem geplätteten Zuhörer eh den Rest. Fucking hell, tönt das mächtig. Detailreicher eingespielt, gekonnter produziert, etwas weniger archaisch vielleicht - „The White Goddess“ bedeutet in vielerlei Hinsicht einen ähnlich bedeutenden Schritt für den Kodex wie weiland „Nightfall“ für Candlemass nach der rootstreueren „Epicus...“. Zudem zeigt man sich vom Songwriting her noch souveräner: einen übermächtigen Chorus wie den eines „A Prophet...“ noch einmal zu toppen, hätte ich der Band kaum zugetraut, jetzt belehrt einen schon der erste Song eines Besseren. Oh me of little faith.



„Sol Invictus“ wurde damals quasi als der „Kodex-Weihnachtssong“ präsentiert, widmet sich aber textlich auch und gerade den vorchristlichen Traditionen dieser Jahreszeit und knüpft damit thematisch nahtlos an den Vorgänger „The Golden Bough“ an. Allerdings hat sich die Grundstimmung seither klar vom Herbst in den Winter verschoben. „From darkness grows light, from ashes a fire to conquer the cold.“ Tod und Wiedergeburt, eine auch musikalisch repräsentierte Thematik, denn nach dem erwähnten „Sol Invictus“, das für diese Verhältnisse dieser Band beinahe schon verflucht schnell und eingängig daherkommt (es aber trotzdem nicht unter lockeren elf Minuten Spielzeit ins Ziel schafft!), spielt sich nahezu das komplette Restwerk im getragenen Doom-Tempo ab, bevor schlussendlich das ebenso episch-gigantische „White Goddess Unveiled“ den Kreis schließt und den Zuhörer abermals mit heroischen Uptempo-Melodien nach Manier der frühen Manowar in die graue Realität entlässt. (Und ganz nebenbei damit auch den perfekten Nachfolger des Debüt-Überklassikers „A Prophet In The Forest“, aka das Oberpfälzer „Heaven And Hell“, erschafft.)


„Heresiarch“ ist das Paradebeispiel für Doom auf dieser Scheibe. Mangels Textblatt fehlt mir hier zwar noch der große inhaltliche Zugang, seit der Lektüre von Michaels Gespräch mit Manuel Trummer habe ich bei dem Sound dieses Monolithen aber eh nur noch ein Bild vor dem geistigen Auge: Conan der Barbar – at the wheel of pain. (Kommt, Ihr lest Sacred Metal, euch muss ich diese Szene nicht beschreiben.) Langsam, gar schleppend, schmerzhaft, scheinbar ewig, aber auch unerbittlich, unaufhaltsam - und das Finale triumphaler als jedes Muskelpaket von Arnold himself. Und in der Tat, hätten die Siebziger-Uriah Heep den Auftrag bekommen, Basil Poledouris' musikalische Visionen rocktechnisch zu verwursten und dazu Tony Iommi in die Band aufgenommen, dann könnte das ein wenig so tönen wie hier.


„Twelve Stars And An Azure Gown“ ist die große Atlantean Kodex-Europahymne. Das Thema und das balladeske Feeling würden es geradezu herausfordern, hier vom AK'schen „Wind Of Change“ zu kalauern, aber zum einen wünsche ich Europa dann doch ein positiveres Schicksal als das von Russland nach der Meineschen Minne (jaja, post hoc ergo propter hoc, ich weiß. Oder? Hmm...), zum anderen sind es wenn, dann eher die frühen Scorpions mit einem Umweg über die epischen Momente von While Heaven Wept, an die man sich hier (ebenso wie abermals Uriah Heep) etwas erinnert fühlt. Der diesem Sound einst durchaus seelenverwandte David DeFeis hätte einen Song wie diesen wohl eine „sky hymn“ genannt, aber spätestens nach dem ähnlich wie hier auf die Mythologie des klassischen Altertums (Europa isn't just a continent, you know...) zurückgreifenden „Perfect Mansions“ leider keine mehr in dieser Klasse geschrieben.


Musikalisch gesehen ist „Enthroned In Clouds And Fire“ wahrscheinlich die größtmögliche Annäherung, die diese Band an die „Twilight Of The Gods“-Ära von Bathory vornehmen konnte – und das abermals mit einem Chorus von der Macht, die sogar Quorthon bestenfalls in Ausnahmefällen wie „The Lake“ erreicht hat – textlich aber segeln hier keine Drachenboote unter den wachenden Augen Thors über die Meere Midgards. Die apokalyptischen Visionen, die Markus Becker hier vertont, sind, wie für diese Band nicht unüblich, urbayrisch und sorgen nicht wenig dafür, dass hier zu keiner Sekunde Rip-off-Stimmung aufkommt. Hier wird vollendet, was weiland in einem „The Hidden Folk“ nur angedeutet werden konnte.


Und damit haben wir auch schon das Ende erreicht: Die weiße Göttin erhebt sich, der Zyklus ist geschlossen. Es ertönt die Musik, die Manowar nach „Into Glory Ride“ (oder spätestens nach „Sign Of The Hammer“, mit viel gutem Willen) nicht mehr spielen wollten oder konnten. Inklusive mindestens einem Gitarrenpart, der unerwarteterweise etwas an Running Wild erinnert, als diese noch nicht völlig aus virtuellen Bandmitgliedern bestanden. Inklusive ein paar dieser das Tempo raus nehmenden Mit-Eric-Adams-Angeb-Gedächtnisparts à la „March For Revenge“, die tatsächlich auch ohne Eric Adams sehr gut funktionieren. And finally auch inklusive eines wunderschönen Piano-Outros, während dessen man sich einerseits klar wird, gerade dem Album des Jahres gelauscht zu haben – und andererseits bereits den nächsten Durchgang plant.


Auf die Gefahr hin, auch künftig zur gnadenlos agierenden Sacred Metal-Hypemaschinerie gezählt zu werden: es hat mich in den letzten Jahren nicht eine andere Band derart als Gesamtkunstwerk begeistern können. Die musikalische Darbietung, das Artwork, die Texte (soweit bekannt), das Gesamtkonzept – sie alle bilden hier ein größeres Ganzes, das in dieser Perfektion seit der eingangs genannten „Nightfall“ nicht mehr gehört wurde. More than the sum of its parts, gell? Die Frage, ob es sich hier tatsächlich um das beste deutsche HM-Album ever handeln sollte, bleibt für meinen Begriff zwar nicht abwegig, aber eher unwichtig. Zu eigen präsentieren sich die Bayern, welche Vergleichspunkte böten sich hier etwa mit „Walls Of Jericho“ oder „Restless And Wild“? In jedem Falle aber habe ich an „The White Goddess“ nix, aber auch gar nix zu kritteln. Madness, you say? THIS! IS! SACRED METAL!!! (EZ)


Label: Cruz Del Sur
Veröffentlichung: 04.10.2013


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