Freitag, 23. August 2013

Atlantean Kodex - The White Goddess



Ich könnte es mir einfach machen und sagen, „The White Goddess“ sei das beste Metal-Album seit „The Golden Bough“ und überhaupt jetzt schon ein Klassiker. Aber ein paar Worte mehr seien mir gestattet, bevor der Versuch einer Mischung aus Review und „Studioreport“ folgt.
Kein anderes Album, keine anderen Songs habe ich seit Wochen (und die Vorabtracks seit Monaten) so häufig gehört wie „The White Goddess“. Mittlerweile dürften die 100 Hördurchgänge locker voll sein, weshalb ich mir durchaus, auch wenn die Veröffentlichung noch fünf Wochen in der Zukunft liegt, das aus allen Zeilen durchscheinende Fazit erlauben kann: Niemals ist in Deutschland ein besseres Metalalbum entstanden, niemals wurde der Begriff „Epic Metal“ so vollkommen definiert und seit langen Jahren wurde ich niemals mehr so berührt von Musik wie von „The White Goddess“. Wer jetzt wieder laut „Hype!“ schreit, wer das alles zu übertrieben und zu schwurbelig findet, wer mir nicht glaubt: Who cares. Go away.

Los geht es - das Wort hat Manuel Trummer.

Ihr habt für den Nachfolger zu „The Golden Bough“ länger benötigt als erwartet und auch als ursprünglich angekündigt war. Woran hat es gelegen?

Wir haben uns bewusst ein Stück weit aus der Szene zurückgezogen, um den Kopf wieder frei für neue Musik und Lust auf die Band zu bekommen. Zudem waren wir alle beruflich und familiär sehr stark in andere Dinge involviert, so dass kaum Zeit für Atlantean Kodex bestand.
Tatsächlich wäre es aber auch möglich gewesen, die Platte wie geplant schon im April 2013 zu veröffentlichen. Die Songs wären de facto veröffentlichungsbereit gewesen. Aber wir waren noch nicht vollständig mit dem Flow zufrieden. Da wir keinerlei Druck seitens der Plattenfirma o.ä. hatten, haben wir noch ein paar Monate drangehängt, um die letzten Details zu glätten. Es hat sich gelohnt, denke ich.

Hattet ihr nach den euphorischen Reaktionen zum Vorgänger eine Drucksituation innerhalb der Band oder denkt man einfach nicht daran, den Vorgänger übertrumpfen zu müssen?

Drucksituation ist vielleicht der falsche Begriff. Ich würde ,The Golden Bough‘ eher als bandinterne Messlatte sehen. Es ist schon ein paar Mal im Proberaum die Frage aufgetaucht, ob ein neuer Part jetzt so gut ist, wie die Sachen auf ,The Golden Bough‘. Wenn er das nicht war, wurde er beiseitegelegt. Aber das war eher eine produktive Hilfe um die Qualität einzelner Stücke gegeneinander abzuwägen. Mehr nicht. Der Druck von außen ist uns sowieso egal. Wir müssen ja niemandem etwas beweisen.

Wenn du beide Alben in jeweils einem Satz zusammenfassen müsstest – welche wären das?

Zwei Wörter reichen auch?
 „The Golden Bough“: Aufbruch und Abenteuer
„The White Goddess“: Ankunft und Klarheit

So, dann mal direkt zu den Songs:

Der erste Song „Trumpets Of Doggerland“ leitet es ein, das neue, zweite und heiß erwartete Atlantean Kodex-Album. Erzähl kurz, wie das Intro zustande gekommen ist und was es mit den Trompeten und den Giganten auf sich hat…

 Im Grunde wollten wir ein mächtiges Intro mit Pauken und Trompeten. Der Titel spielt mit dem Motiv der Nephilim, der vorsintflutlichen „Gottessöhne“ des Alten Testaments und einer versunkenen Landmasse, deren Untergang archäologisch wohl in dieselbe Zeit fällt wie die biblischen Geschichten vom Niedergang der Nephilim. Die Trompeten von Doggerland kündigen damit also gleichzeitig den Aufstieg des Reichs der Menschen, die Besiedlung von Europa, den Anfang der Geschichte an.

Dann kommt „Sol Invictus“ und es geht gleich erstaunlich flotter zur Sache. Das ist einer der älteren Songs auf „The White Goddess“, oder? Wieso ist die Wahl auf diesen Song als Opener gefallen?

Ehrlich gesagt waren wir uns lange uneins, wie wir die Platte starten sollten. Ich wollte ursprünglich ,White Goddess unveiled‘ als Opener. Der Texteinstieg mit ,Once more the chains of time are fading‘ und der typische Kodex-Triolen-Rhythmus wären, denke ich, ein klasse Start gewesen, mit dem wir den Hörer direkt von ,The Golden Bough‘ hätten abholen können. Aber vor allem Markus hat sich dann für ,Sol Invictus‘ stark gemacht, so dass er es schließlich auch geworden ist. Im Nachhinein war es, denke ich, die richtige Entscheidung. ,Sol Invictus‘ ist wesentlich eingängiger, den Refrain finde ich unheimlich stark. Mit einem Monster wie ,White Goddess unveiled‘ hätten wir zu Beginn des Albums vielleicht zu viele Hörer gleich verstört. Außerdem ähnelt ,White Goddess unveiled‘ in seiner Struktur sehr stark ,A Prophet in the Forest‘, so dass wir hier zusätzlich eine nette Parallele haben, was den Ausklang des Albums betrifft.

„Bilwis“ ist dann wieder ein kurzes Zwischenspiel und es klingt stark nach einer traditionellen, bayrischen Melodie. Absicht?

Absolut richtig. Da haben wir ein wunderbares traditionelles Stück aus Oberbayern neu bearbeitet und atmosphärisch unterlegt. Es geht um ostbairische Korndämonen     und schwarzmagische Praktiken der hiesigen Bauern. True story.

Es folgt mit „Heresiarch“ ein „typisch“ schleppender Atlantean Kodex-Song, der locker als Mischung aus uralten Manowar und Bathory durchgehen kann, mit einem phänomenalen Refrain, den beide Bands noch nie oder zumindest seit Jahrzehnten geschrieben haben. Das wird mit Sicherheit ein kommender Livekracher! Wie ist die Geschichte hinter diesem Track und wie würdest du ihn musikalisch beschreiben?

Bathory würde ich bei „Heresiarch“ weniger raushören. Aber Manowar sind schon eine sehr treffende Referenz. Besonders Songs wie „Dark Avenger“ oder „Hatred“ sind mit ihrem schleppenden Rhythmus und der fiesen Härte nicht weit weg von „Heresiarch“. Ungewöhnlich im Bandkontext finde ich vor allem die halbakustischen Strophen mit der Hammondorgel. Hier kommen natürlich Uriah Heep zur Geltung, im Besonderen „Rainbow Demon“. Außerdem finde ich hier Markus Gesangsleistung absolut überragend. Er setzt mit seiner klaren folkigen Stimme den perfekten Kontrastpunkt zur erdrückenden Schwere der Gitarren. Der Refrain wiederum erinnert mich ein wenig an Basil Poledouris‘ Conan-Soundtrack. Insgesamt ist „Heresiarch“ mit den ganzen neuen Einflüssen, die wir hier an den Start bringen, vielleicht der ungewöhnlichste Song auf dem Album, aber für mich auch einer der besten.

Ab ca. Minuten 8:30 kommt ein ruhiger Part mit Sprachsamples, die man nicht versteht – was sind das für Sprachfetzen?

Das sind Worte in der verschwundenen, uralten Aklo-Sprache. Die Bedeutung darf ich Dir nicht verraten. Es ist zu Deinem Besten.

Was dann kommt, lässt mich noch immer, nach über 100 Hördurchgängen, mit Gänsehaut zurück. Das Ende von „Heresiarch“ ist so unfassbar episch, dass einem die Tränen kommen. Was habt ihr euch dabei gedacht?

Geht mir ähnlich. Das Arrangement des mehrstimmigen Wechselgesangs und Markus‘ Stimme schaffen eine sehr dichte sakrale Atmosphäre. Der Part war ursprünglich ohne Gesang als Einstieg zu „Heresiarch“ gedacht. Auf dem „Goddess Rising“-Demo ist er noch in der ursprünglichen Version zu hören. Wir hatten allerdings das Gefühl, dass dem Song noch irgendwas fehlte. Irgendwann stand dann diese Melodie im Raum, die wir dann sukzessive zu diesem Chor-Arrangement ausgearbeitet haben. Das passte dann perfekt auf diesen superlangsamen Part mit den Wolves-in-the-Throne-Room-mäßigen Gitarren drauf. Sicher ein Highlight der Platte.

Es folgt euer kommender MTV-Superhit "Twelve Stars And An Azure Gown"...

Exakt, das ist unser Singlehit. Ist das jetzt nun eine ,Powerballade‘? Ich finde die melodischen Leads und Markus‘ Gesangslinien großartig. Aber besonders fantastisch ist der Text aus der Feder von Kreuzer. Insgesamt sehe ich den Song zwischen Uriah Heeps „Circle of Hands“ und Saxons „Crusader“, allerdings upgedated aufs Jahr 2013. Man hört sofort, dass es Atlantean Kodex sind.

Wer hatte die Idee mit der den Song umrahmenden Churchill-Rede?

Da hatte wohl ich einen seltenen Geistesblitz.

Scheinbar ist das vereinte Europa ein wichtiges Thema für Dich. Woher stammt das Interesse – und kann ein wahres, vereintes Europa wirklich gelingen?

Wenn die Europäer es schaffen, die von Politikern und Boulevardmedien geschürten nationalistischen Ressentiments abzustreifen und Europa nicht als ökonomische, sondern kulturelle Einheit mit einem gemeinsam zu verantwortenden Erbe zu betrachten – dann ja.

Als nächstes: Eine wundervolle Akustikgitarre, unheilvolle Glockenklänge, sanfte Chöre und ein mächtiger Einstieg. „Enthroned In Clouds And Fire“ ist in einem perfekten Album der perfekteste Song. Bathory-Chöre und der schleppende Rhythmus kreieren eine Epik, wie man sie bisher selten zu hören bekommen hat. Wie schreibt man einen solchen Meilenstein – und vor allen Dingen: Wie soll man diesen Jahrhundertrefrain wieder aus dem Ohr bekommen?

Am besten gar nicht. ,Enthroned in Clouds and Fire‘ ist mein Lieblingssong auf dem Album. Das Stück ist am dichtesten an der Vision vom Bandsound dran, die ich seit 2005 im Kopf mit mir rumschleppe. Eigenlob stinkt zwar, aber für mich ist ,Enthroned‘ schon so etwas wie die Definition von Epic Metal. Er ist vernichtend heavy, hat grandiose Gesangslinien und strahlt trotz aller Melancholie eine unglaubliche Power aus. Dazu die erzählenden Texte aus der oberpfälzischen Mythologie – ,Enthroned‘ ist für mich so etwas wie der Zenith unseres bisherigen Schaffens, in dem sich alle zentralen Aspekte der Band wiederfinden. Ab jetzt geht‘s abwärts.

Ebenfalls eingebettet ist eine alte Prophezeiung des bayrischen „Sehers“ Mühlhiasl, dessen Existenz ja gar nicht mal so unumstritten ist. Hast Du Dich mit seinen Prophezeiungen näher beschäftigt?

Selbstverständlich. Jeder Oberpfälzer ist mit den Prophezeiungen von Matthäus Lang, dem Müller von Apoig, gut vertraut. Seine Identität ist bis heute tatsächlich umstritten. Aber egal aus welcher Zeit und Hand seine Weissagungen wirklich stammen, ihre Sprache und Bildgewaltigkeit beeindrucken mich stets aufs Neue. Eine eigene Offenbarungsmythologie für Ostbayern. Das mussten wir natürlich auf irgendeine Art und Weise nutzen.

Der Quasi-Titeltrack „White Goddess Unveiled“ ist dann der längste aller Tracks. Was hat es textlich damit auf sich?

„White Goddess unveiled“ schließt das Leitthema des Albums „Tod und Wiedergeburt“ ab. Grob gesagt geht es um den Menschen als Pilger in dieser Welt, auf seiner langen Reise zurück zu dem Ort, aus dem er geschaffen wurde, zurück in eine andere, höhere Form der Existenz. Wir spüren die Erinnerung an diesen Ort ein Leben lang in unseren Herzen und sehnen uns nach ihm, ohne ihn zu kennen. Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.

In Minute Zwei lacht Eric Adams – ist der wirklich so umgänglich, wie alle immer sagen?

Eric ist großartig. Leider durfte er aber aus Gründen, die ich nicht kenne, musikalisch nichts zum Album beitragen.

Das abschließende Piano-Outro habt ihr doch nur gemacht, damit man sich vor Ergriffenheit die Augen ausheult, oder?

Atlantean-Kodex-Hörer sind hart, männlich und heulen nicht.

Zum Abschluss, als allumfassendes Fazit, ein Satz: Ihr müsst ein Album der letzten 15 Jahre kaufen - nehmt dieses hier.

(MK)

Label: Cruz Del Sur / Van Music
Veröffentlichung: 04. Oktober 2013

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